Anpassen - aber um welchen Preis?

Das Jobinterview ist gemeistert, das Flugticket gekauft, die Koffer gepackt - auf geht´s in die neue Heimat. Auf geht´s in ein spannendes Leben fernab der nun alten Heimat. Anfangs ist alles so neu, so spannend, so aufregend und allem voran so wunderbar - vorausgesetzt der Umzug ist auf freiwilliger Basis erfolgt. 

Und irgendwann stellt sich Alltag ein, die spannenden neuen Gewohnheiten werden zu normalen Gewohnheiten und irgendwann liegt man abends im Bett und es kreist ein Satz durch den Kopf: "Ich habe heute nichts so gemacht, wie ich es wollte".  Beschäftigt man sich näher mit dem Satz wird einem so einiges klar. 

 

An einem neuen Ort angekommen erfolgt meist eine oftmals unreflektierte Anpassung an die neue Lebensumwelt, Gegebenheiten und eventuell Traditionen - um dazuzugehören, um sich einfügen zu können in die Gesellschaft und um der viel gewollten und gelobten Integration gerecht zu werden. Dass ich mich dabei jedoch Schritt für Schritt von mir entfernt habe - oder genauer betrachtet von dem, was ich zu sein glaubte - fällt dann auf, wenn plötzlich diese Leere da ist und das Gefühl, dass innen drinnen kein Stein auf den anderen passt. 

Dr. Hüther erklärt in seinem Buch Was wir sind und was wir sein könnten verständlich und anschaulich, wie unser Lernprozess in der Kindheit abläuft und erklärt damit auch, was bei einem Anpassungsprozess im Ausland passieren kann.

Er schreibt, dass "jeder Mensch sich im Verlauf seiner Kindheit an die Vorstellungswelt und die Verhaltensweisen der Erwachsenen" anpasst, später am Verhalten von Peer Groups zu denen er gehören möchte. 

"Ohne es zu wollen, entfernt sich der betreffende Mensch im Verlauf dieses Anpassungsprozesses immer weiter von dem, was sein Denken, Fühlen, und Handeln ursprünglich, als er noch ein kleines Kind war, primär geprägt hatte: die eigene Körpererfahrung und die eigene Sinneserfahrung." 

Beim Anpassungsprozess an die neuen Lebensumstände folgen wir einem Muster, das wir aus der Kindheit kennen - Imitation und das Übernehmen von dem, was am neuen Ort als richtig angesehen wird. Hüther schreibt, dass "dieser Anpassungsprozess Menschen dazu bringt, ihr Gefühl von ihrem Verstand zu trennen und ihren Körper vom Gehirn zu trennen."

Und das wiederum macht sich nach einiger Zeit als diese unangenehme Gefühl des sich verloren habens, nicht mehr wissen, was man selbst eigentlich möchte, bemerkbar.

 

Objekt statt Subjekt

 

Dr. Hüther schreibt, dass sich "jeder Mensch im Lauf seiner Entwicklung an die Erfordernisse der sozialen Gesellschaft anpasst, in die er hineinwächst. Dabei übernimmt er die jeweiligen Fähigkeiten und Fertigkeiten, das Wissen, die Erfahrung, die Überzeugungen und Vorstellungen, die Haltungen und die Verhaltensweisen, die Traditionen und Visionen all jener Menschen, die ihm als Mitglieder der Gesellschaft besonders wichtig sind, zu denen er sich hingezogen, mit denen er sich besonders verbunden fühlt." Bei diesem Prozess erkennt sich der Mensch als Produkt seiner Gene, seiner Umwelt - er macht sich selbst zum Objekt. Und das alles als Preis für das "dazugehören-wollens".

 

Dein Weckruf als Chance

 

Wenn dir auffällt, dass du dich dir nicht nahe fühlst, du dich von deinen Gewohnheiten/ deiner Art, Dinge zu machen entfernt hast und du dich mit deinem "neuen" Tagesrhythmus bzw. mit dir selbst nicht mehr wohlfühlst, dann nutze dieses Unwohlsein als Chance. Nutze es als Weckruf, der dir bewusst macht, dass es Zeit wird, dich selbst (wieder) zu entdecken und dir den Raum zu geben, dein Leben nach deinen Vorstellungen zu gestalten. Die tolle Nachricht: dieses Neu-gestalten kann zu einem starken Gefühl von Freiheit führen - eine Freiheit, für die du das Land nicht verlassen musst und die du an keinem anderen Ort als in die selbst findest. 

 

Zurück zum Ursprung

 

Wie Dr. Hüther beschreibt, beginnt der Prozess des Anpassens in der Kindheit. Sind Kinder anfangs noch von ihrer persönlichen Natürlichkeit geprägt, so verliert diese sich im Laufe der Jahre und im Laufe der Anpassung. Willst du dich selbst entdecken und erfahren nimm daher nicht die Version deiner Selbst, mit der du ins neue Land gekommen bist, als Norm, sondern öffne dich dafür, dich auf allen Ebenen völlig neu zu entdecken.

Entwirre Verstrickungen mit anderen Menschen. Spüre, wer du bist. Lasse zu, dass übliche Gedanken und Argumente entkräftet werden und du dich neu entdeckst. 

 

Jeder Tag ist eine neue Chance 

 

Sei dir bewusst, dass sich immer alles verändern kann - auch du. Jeder Tag bietet eine neue Chance, erschafft eine neue Version deiner selbst. Wenn du neugierig und aufmerksam bist, so kannst du deine innere Stimme schon sehr bald klar hören und sie nach kurzer Zeit auch nicht mehr überhören. 

Dafür braucht es Raum und die Offenheit, dich umzublicken und klar zu sehen, dass du dich an deinem Umfeld anpasst - an deinen neuen Arbeitskollegen, den Einheimischen, mit denen du Zeit verbringst. Doch dass es noch so viele mehr Menschen und Verhaltensweisen gibt und die Verhaltensweisen deines Umfelds auch nicht die Wahrheit sind. Und dass viel Freiheit  in allem steckt. Du magst zwar Gegebenheiten deines Umfelds übernommen haben, doch du hast immer die Autorität diese zu ändern. Du kannst dich immer für dich entscheiden und für den Weg des dich-entdeckens und erkennens. Ein Weg, der niemals endet und viel Potenzial in sich birgt. 

 

Lass alles ziehen - Erlerntes aus deiner alten Heimat, Erlerntes aus deiner neuen Heimat und setze dich neu zusammen. Als Erwachsene_r bist du nicht mehr vom Wohlwollen deiner Umwelt abhängig, welches du mit Anpassung bezahlst. Du kannst dich selbst versorgen und dich frei bewegen. 

 

Ich selbst habe bereits viele Erfahrungen mit dem Leben im Ausland gemacht und kenne das Gefühl innerer Leere, weiß, wie es sich anfühlt, wenn man das Gefühl hat, sich verloren zu haben und einfach nur zurück möchte in eine Umgebung, in der alles bekannt und einfach ist. Doch ich weiß auch, welch großes Potenzial in dieser Situation steckt und wie man gestärkt daraus hervorgeht. Ich bin diesen Weg gegangen - nicht nur weg von mir, sondern auch wieder zu mir hin. 

 

Ich weiß, dass dein Weg nicht mein Weg ist. Ich weiß nur, dass ich Verständnis für Situationen wie diese habe und dich gerne durchbegleite, wenn du das Gefühl hast, du möchtest extern Hilfe annehmen. 

 

offen, verständnisvoll und ortsunabhängig.

 

Herzlichst,

Marlene